In Hamburg da bin ich gewesen

Ich will Euch mein Schicksal erzählen
Denn trügerisch ist doch die Welt
Ich wurde so jung schon verführet
Und so wurd ich ein Mädchen für´s Geld

In Hamburg da bin ich gewesen
In Sammet und Seide gekleid’t
Meinen Namen, den darf ich nicht nennen
Denn ich war ja für jeden bereit

Mein Bruder, der hat mir geschrieben
Ach Schwester, so kehr doch zurück
Deine Mutter liegt sterbend darnieder
Sie beweint Dein verlorenes Glück.

Meine Mutter will´s nicht leiden
Dass ich eine Hure bin
und ich tu ich es ja mit Freuden
Leg mich gern von selber hin

Meine Kleine zwischen die Beine
Bringt mir manchen Taler ein
Darum halt ich sie hübsch reine
Schmier sie mit Pomade ein

O Hamburg du Freistadt der Mädchen
O Hamburg du Unglücksfeld
In dir da liegen begraben
So viel schon der Mädchen für Geld

Zwei Hurenlieder, Verfasserinnen unbekannt, vielfach mündlich überliefert
Gesang: Cynthia Nickschas, Annette Rettich
Das erste aus Hamburg, vermutlich um 1900, das zweite aus Dresden, vor 1910, weitere Strophe: „Meine Mutter wills nicht leiden / daß ich eine Hure bin / sie wollt´ mir das Ding abschneiden / das wär´ nichts nach meinem Sinn“

„Wie groß ist die Zahl der Prostituierten in ganz Deutschland? Manche behaupten, daß diese Zahl auf ungefähr 200.000 sich belaufen dürfte…. Die Zahl der Prostituierten wächst in dem Maße, wie die Zahl der Frauen wächst; die in den verschiedensten Industrie- und Gewerbezweigen als Arbeiterinnen beschäftigt und oft mit Löhnen abgefunden werden, die zum Sterben zu hoch, zum Leben zu niedrig sind. Die Prostitution wird gefördert durch die in der bürgerlichen Welt zur Notwendigkeit gewordenen industriellen Krisen, die Not und Elend in Hunderttausende von Familien tragen…“ (August Bebel, SPD-Vorsitzender, 1879)