Bet und arbeit ruft die Welt

Bet und arbeit ruft die Welt
bete kurz! denn Zeit ist Geld
An die Türe pocht die Not
bete kurz! denn Zeit ist Brot

Und du ackerst und du säst
und du nietest und du nähst
und du hämmerst und du spinnst –
sag mir doch, was du gewinnst

Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht
schürfst im Erz- und Kohlenschacht
füllst des Überflusses Horn
füllst es hoch mit Wein und Korn

Doch wo ist dein Mahl bereit?
Doch wo ist dein Feierkleid?
Doch wo ist dein warmer Herd?
Doch wo ist dein scharfes Schwert?

Alles ist dein Werk! o sprich
alles, aber nichts für dich
Und von allem nur allein
schmiedest du die Kette dein?

Kette, die den Leib umstrickt
die dem Geist die Flügel knickt
die am Fuß des Kindes schon
klirrt – o Volk, das ist dein Lohn

 

Menschenbienen, die Natur
gab sie euch den Honig nur?
Seht die Drohnen um euch her!
Habt ihr keinen Stachel mehr?

Mann der Arbeit, aufgewacht
Und erkenne deine Macht
Alle Räder stehen still
wenn dein starker Arm es will

Deiner Dränger Schar erblaßt
wenn du, müde deiner Last
in die Ecke lehnst den Pflug
wenn du rufst: Es ist genug

Brecht das Doppeljoch entzwei
Brecht die Not der Sklaverei
Brecht die Sklaverei der Not
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot

Text: Georg Herwegh, 1863, Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
Text leicht gekürzt und bearbeitet von Michael Zachcial

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